ARCHIV LADISLAVA HEJDÁNKA

Philosophie und ihr Verhältnis zur Wahrheit

Philosophie und ihr Verhältnis zur Wahrheit [1987]

Von je her hat der Mensch zwischen Wahrheit und Irrtum bzw. Lüge unterschieden, aber zum Problem konnte die Wahrheit erst nach der Erfindung des begrifflichen Denkens werden. Auch die Entstehung der Philosophie wurde durch dieselbe Erfindung bedingt. Seit dem Anfang an gehört also das Wahrheitsproblem zu den hervorragendsten, aber auch zu den schwierigsten Aufgaben der philosophischen Forschung. Es wurden schon viele Lösungen angeboten, von denen jedoch keine durchaus befriedigend zu sein scheint. Worin steckt die Schwierigkeit?

Das begriffliche Denken unterscheidet sich vom vorbegrifflichen dadurch, daß es sich nicht mehr direkt zu verschiedenen Wirklichkeiten bezieht, sondern sozusagen „vermittelt“ durch Begriffe. Das Denken wird durch die Begriffe so strukturiert und organisiert, daß seine gegenständlichen Intentionen unter bewußte Kontrolle gebracht werden. Das ermöglicht dem denkenden Menschen in verschiedenen Zeiten und unter verschiedenartigen Bedingungen „dasselbe“ zu meinen; anders gesagt, die Begriffe ermöglichen uns, das Denken (den Bewußtseinsstrom) in aller seinen Mannigfaltigkeit immer zu einem gewissen Brennpunkt zu konzentrieren, nämlich zu seinem „Gegenstand“. Wie wir heute wissen, ist es eigentlich nur ein „intentionaler Gegenstand“, den man noch lange nicht mit dem „wirklichen Gegenstand“ identifizieren darf. Für das anfängliche Philosophieren ist jedoch charakteristisch, daß es geneigt war, gerade die intentionalen Gegenstände für die echte Wirklichkeit zu halten. (So war es z. B. mit den sog. ARCHAI.)

Die eigentliche Schwierigkeit aller Versuche, die Wahrheitsfrage philosophisch zu stellen und auch zu lösen, besteht in der fundamentalen Unangemessenheit des erwähnten Stils des begrifflichen Denkens zu „Bewältigung“ des Problems. Um es klarmachen zu können und nicht nur dogmatisch zu behaupten, müssen wir die Unmöglichkeit zeigen, die Wahrheit (das „Wesen“ der Wahrheit) gegenständlich zu begreifen, sowie das Problemhafte in der Neigung des begrifflichen Denkens die Wahrheit in ihrem „Wesen“ denkend zu ergreifen, zu bewältigen und zu erobern. Dazu hilft uns eine kleine Erwägung einiger Konsequenzen, zu welchen uns schon unser Thema selbst führt.

Wenn wir über das Verhältnis der Philosophie zur Wahrheit nachdenken sollen, müssen wir uns vor allem die Bedeutung der Wörter „Philosophie“ und „Wahrheit“ erörtern. Gibt es jedoch überhaupt eine Instanz, die legitim entscheiden könnte über den „wahren“ Inhalt dieser Termine? Wer sollte eigentlich mehr berufen sein, nicht nur das Wort „Philosophie“, sondern das „Wesen“ und die Bestimmung der Philosophie zu bestimmen als – die Philosophie selbst? Darf jedoch die Philosophie alles mögliche sein, nur wenn sie es will? Darf sich die Philosophie ihre Sendung nur selbst ausdenken und ihre Bestimmung selbst bestimmen? Gehört es wirklich zum „Wesen“ der Philosophie, daß sie sich zu sich selbst entscheidet? Oder gibt es eher für sie eine Bedingung, ohne derer Erfüllung sie einfach keine Philosophie werden kann? Kann man ein Denken, das sich um die Wahrheit nicht kümmert, noch Philosophie nennen? Ist das Verhältnis der Philosophie zur Wahrheit nicht konstitutiv für die „wahre“ Philosophie? Ist es somit nicht gerade die Wahrheit, die für die Philosophie, für ihr „Wesen“ und für ihre Sendung entscheidend ist und bleibt?

Aber wenn es so sein sollte, müssen wir weiter nach dem „Wesen“ der Wahrheit fragen. Was können wir jedoch philosophierend über die Wahrheit sagen? Und wer könnte anders noch kompetent sein, über die Wahrheit als solche etwas vernünftiges zu sagen? Wenn eine Physik nicht imstande ist, über Energie, Bewegung, Materie usw. etwas wesenhaftes zu sagen, oder Biologie über das Wesen des Lebens, ist es ohne weiteres klar, daß die Wissenschaften desto weniger über das „Wesen“ der Wahrheit etwas Vernünftiges zu sagen imstande wären, obzwar sie auch an die Wahrheit orientiert sind und sich um wahre Erkenntnisse intensiv kümmern. Wir könnten noch heute den Gedanken von Aristoteles behalten und die Philosophie als die alleinige „Wissenschaft über die Wahrheit“ halten. Ohne Philosophie kann man vielleicht vieles „Wahre“ kennen, nicht aber, was „wahr“ als das Wahre ist, d. h. die Wahrheit in ihrer Wesensbestimmung. Nur die Philosophie ist wirklich berufen, das Wahre vom Unwahren wesentlich zu unterscheiden (und nicht nur kleinere oder größere Irrtümer aufzudecken und wegzuschaffen). Aber wie unterscheidet die Philosophie eigentlich zwischen der Wahrheit als solcher und der Lüge oder dem Irrtum als solchen? Ist es nicht vielmehr die Wahrheit, die in ihrem Licht alles wahr erscheinen läßt, das Wahre als Wahres, und das Unwahre als Unwahres? Wenn die Philosophie überhaupt etwas in wahrem Licht oder in wahrer Perspektive sich zeigen läßt, ist es nicht ausschließlich im Dienste der Wahrheit und unter derer Führung? Ist es letzten Endes immer nur nicht die Wahrheit selbst, die entweder ankommt oder nicht, die uns anspricht oder schweigt, die sich der Philosophie und des Philosophen bedient oder nicht? Auch wenn die Philosophie eine Aussage macht über das „Wesen“ der Wahrheit, bleibt nur die Wahrheit selbst die letzte Instanz, die über das Wahrsein oder Unwahrsein der Aussage entscheidet.

Es ist also nicht nur so, daß die Wahrheitsfrage in den Bereich der philosophischen Grundfragen gehört, sondern die Philosophie als Philosophie wir durch die Wahrheit selbst (und nicht nur durch das Wahrheitsproblem oder Wahrheitsbewußtsein) bedingt und bestimmt. Es ist nicht die Philosophie, welche die Wahrheit „hat“ oder nicht, sondern die Wahrheit, die sich der Philosophie benutzt (und sie also zur wahren Philosophie macht) oder nicht. – Es fragt sich jedoch, ob und in welchem Sinne sich die Philosophie zur Wahrheit beziehen kann, d. h. was sie dafür machen kann, daß sich die Wahrheit selbst zu ihr verhalte, daß sie zu ihr ankommt and daß sie sie anspricht. Und es gibt noch eine weitere, noch wichtigere Frage: ob überhaupt and wie die Philosophie mit der Wahrheit zusammenkommen kann. Und weil wir natürlich nicht die Philosophie personifizieren wollen, müssen wir unsere Frage noch weiter präzisieren: kann ein Philosoph überhaupt die Wahrheit zusammentreffen, mit ihr zusammenkommen, sie begegnen? Und wie kommt es dann vor? Wie kann man ein solches Zusammentreffen der Wahrheit mit dem (philosophierenden) Menschen beschreiben und verstehen? Und endlich: was macht das Spezifische der Philosophie und des Philosophierenden aus, wodurch er sich von allen anderen Menschen (darunter auch von den Wissenschaftlern oder Künstlern usw.) unterscheidet?

Aus allen bisherigen Erwägungen darf man einsehen, daß die Wahrheit als solche nicht gegenständlich begriffen werden kann, weil sie kein Ding, keine gegebene Tatsache, kein Gegenstand ist, zu welchem wir in einer oder in einer anderen Art hintreten könnten, um ihn zu beobachten, beschreiben und durch unser Denken zu ergreifen und so zu beherrschen. In demselben Sinne kann aber die Wahrheit auch nicht als ein Verhältnis zwischen zwei Gegebenheiten, z. B. zwischen irgendeiner Wirklichkeit und unserer Aussage (oder unserem Gedanken usw.) begriffen werden. Also nicht nur, daß wir keine Angleichung oder Übereinstimmung zwischen dem Ding und der Aussage finden können u. ä., sondern jeder Versuch, die Wahrheit als abhängig von dem Gegebenen und Dinghaften zu verstehen, ist falsch. Die Wahrheit besteht auch nicht darin, daß sie das Wirkliche in der Entborgenheit sein läßt, wie es ist, als ob das Wirkliche auch ohne Wahrheit sein könnte, was es ist. Es gilt nicht nur, daß die Wahrheit nicht in der Aussage, im Satz ursprünglich beheimatet ist; sie ist ursprünglich auch nicht in den Dingen, in den Gegebenheiten, in den Wirklichkeiten „zu Hause“. Jede Wirklichkeit ist mehrdeutig, ja vieldeutig; erst im Lichte der Wahrheit wird sie zu „ihr selbst“, bekommt sie ihre Bestimmtheit und Eindeutigkeit. Kein Seiendes hat seine eigene Wahrheit in sich, sondern sein Sein entspringt aus der Wahrheit selbst (oder hat es kein wahres Sein und ist demnach kein wahres Seiendes). Und das gilt auch und sogar in einem spezifischen Sinne über den Menschen: der Mensch ist ein Wesen, das in einem weit höheren Grade in seinem „Wesen“ abhängig ist von der Wahrheit als alle andere Wesen. Nun brauchen wir freilich die sog. ontologische Differenz gewissermaßen anders prägen als üblich.

Während seines Lebens ist jeder Mensch je einer Seiende: etwa ein Neugeborener, ein Kind, ein Junge, ein Erwachsener, ein Greis usw. In jedem Augenblick ist er seiend anders, er verändert sich stets in seinen Seiendheiten. Dagegen bleibt er in seinem Sein der Selbe, er bleibt er selbst. Aber das bedeutet nicht, daß er seit der Geburt immer derselbe bleibt, wer oder was er immer „war“. Der Erwachsene „ist“ nicht, was er schon als Kind „war“, denn was das Kind „war“, das „ist“ nicht mehr, das „ist“ schon lange vorbei. Es wird nur durch allerlei Formen von Gedächtnis vergegenständlicht (und es gibt nicht nur Gedächtnis in den Bewußtseinsleben), akzeptiert oder nicht akzeptiert, man wird angeknüpft daran oder nicht usw. In jedem Augenblick seiner Seiendheit „ist“ der Mensch in seinem Sein mehr ein nicht‑seiend als seiend. (Und dasselbe gilt für alle andere wahre Wesen, d. h. solche, die imstande sind, sich zu sich selbst zu beziehen [oder zu verhalten], also auch innerhalb der „bloßen“ Natur.) Daß der Mensch (sowie jedes wahre Wesen) in allen seinen Seiendheiten und zugleich in seinem Sein und in seinem überwiegenden Nicht‑sein er selbst und also der Selbe bleibt, das ist keine Selbstverständlichkeit und keine bloße Gegebenheit; er muß immer neu er selbst werden. Aber das bedeutet, daß er sein wahres Sein nicht in sich und durch sich „hat“, sondern daß ihm sein Sein immer neu und immer situationsmäßig aufgegeben wird als die Perspektive seines nächsten Handelns. Der Mensch lebt also in einem gewissen Sinne, als ob er seinen eigenen Schwerpunkt in die Zukunft verschoben hätte: der Mensch ‚ist‘ nicht, war er ist, sondern was er wird. Sein wahres Sein entspringt nicht aus irgendeiner jeweiligen Seiendheit seines Selbst, sondern aus dem „Noch‑nicht“, das jedoch „sein soll“.

Alle Wesen verhalten sich zu ihrem „Sein‑sollen“, wodurch sie in der Wahrheit verankert bleiben und somit den Grund finden, um sie selbst zu werden und zu bleiben, unbewußt und meistens ohne jedes Bewußtsein. Nur der Mensch kann sich selbst als den wissen, der nicht nur als lebendiges Wesen und auch denkendes Wesen in seinem Werden zur möglichst genauen Integriertheit seines Lebens und Denkens berufen wird, und zwar durch sein Offensein zu ihm selbst, sondern auch und vor allem als den, der berufen werden kann, sich selbst und alles seinige aufzugeben, nicht mehr sich selbst will, sondern sich irgendwie verläßt, hinter ihm selbst zurück läßt und alles „sein“ „Noch‑nicht“ der Wahrheit zur Disposition stellt. Und gerade das müssen wir genauer erörtern, damit wir mehr Licht in die Frage werfen, ob und wie es überhaupt möglich ist für einen Menschen, mit der Wahrheit zusammenzutreffen, wenn sie ursprünglich mit keiner gegenständlichen Wirklichkeit verknüpft „ist“ und wenn sie selbst rein nicht‑gegenständlich „ist“. In der gesuchten Antwort auf diese Frage hoffen wir nicht nur den Grund dessen klarzumachen, warum gerade der Mensch als das einzige Wesen imstande ist, nicht nur aus der Wahrheit zu leben, sondern der Wahrheit als Wahrheit sich selbst als einen Diener und Dolmetscher zu Verfügung zu stellen in einem Akt eines Sich‑selbst‑beiseitelassens und Hinter‑sich‑selbst‑lassens, sondern etwas noch Wichtigeres für uns in dieser Untersuchung, nämlich, warum und inwieweit hier gerade die Philosophie ihre eigenste Beauftragung zu finden glaubt.

Tausende von Jahre lebten die Leute in der Welt des Mythos, ohne überhaupt zu versuchen, sogar nur mythisch den Mythos zu deuten. Dazu wäre es nötig, die Möglichkeit einer Reflexion auszunützen. Die Reflexion jedoch ist nicht möglich dort, wo der Mensch noch nicht den Akt einer Distanz von sich selbst kennt. Im Mythos identifiziert man sich, aber man kriegt da keinen Abstand, der unerläßlich ist für jeden möglichen Zutritt zu sich selbst. (Das ist auch der wichtige Grund für die Voraussetzung einer Art von Praereflexion in der prophetischen Überlieferung im alten Israel, wo ein solcher Abstand beweisbar ist.) Die Philosophie dagegen brauchte nur ein Paar Zehner von Jahren, um sich um ihre eigene Natur zu kümmern genötigt fühlte. Nach der späteren Tradition wurde schon dem Pythagoras zugeschrieben, daß er der Philosophie nicht nur ihren Namen gegeben hat, sondern auch daß er den Grund dazu als Erster angegeben hat und damit ein wichtiges Zeichen der Philosophie unterstrichen hat. Eigentlich in Ablehnung des bisher läufigen Namens „der Weise“ sollte sich Pythagoras selbst als „Philosoph“ bezeichnen, weil kein Mensch wirklich weise sein kann, nur der Gott. Dieses Argument übernahm Sokrates im Platos Gastmahl, natürlich in einer erweiterten und vertieften Umarbeitung. Welche Konsequenzen können wir daraus für unser Thema ziehen?

Der Philosoph hat nach dieser Auffassung die wirkliche (wahre) Weisheit nicht in seiner Macht, aber er strebt sie liebend an. Die Wahrheitsliebe ist gerade das Philosophieren. Zu einem solchen Philosophieren gehören also vier „Faktoren“: erstens der Philosophierende als das Subjekt des Philosophierens; zweitens z. B. die Natur als dessen Objekt; drittens das Philosophieren als Tätigkeit; und viertens die Weisheit, die keineswegs auf einen der anderen drei Faktoren überführbar ist. Die dem Philosophen fehlende Weisheit wird nicht zum „Gegenstand“ seines Philosophierens; trotzdem scheint sie doch zum „Gegenstand“ seiner Liebe zu werden. Aber das ist nur eine falsche Umdeutung des Verhältnisses der Liebe zur Weisheit; eine solche Verfälschung ist die Folge des vergegenständlichenden begrifflichen Denkens. In der Wirklichkeit kann nicht übersehen werden, daß das Intendieren der philosophischen Erkenntnis auf der einen Seite und der philosophischen Liebe auf der anderen fundamental verschieden ist. Das erkennende Denken will seinen „Gegenstand“ meistern, wogegen das liebende Denken offen ist zum Empfangen und zur Akzeptation des Geliebten. Wir könnten daher schon hier die gegenständlichen Intentionen von den nichtgegenständlichen unterschieden.

Das Wort „Weisheit“ in seinen heutigen Konnotationen empfiehlt sich nicht gerade am besten für weiteres Denken in dieser Richtung. Nichts scheint dagegen zu sprechen, daß wir die ganze Struktur des Gedankens und der Argumentation, die Pythagoras zugeschrieben wurden, behalten und nur statt über Weisheit lieber über Wahrheit sprechen werden. Also wird PHILOSOPHIA zur PHILALETHEIA, die Liebe zur Weisheit zu einer Liebe zur Wahrheit. Ohne Rücksicht darauf, das Pythagoras selbst über Philosophen als Wahrheitsfängern sprechen sollte, dürfen wir uns an Plato wenden, der eigentlich zu dieser Umdeutung des Philosophierens und der Philosophie alles schon vorzüglich vorbereitete. Plato lebte in einer Zeit, wo es mehr als je bevor notwendig war, die Grenze zwischen der wahren Philosophie und der Nicht‑Philosophie oder gar Un‑philosophie so scharf wie möglich zu ziehen. Auch für Plato galt, daß das Wahre immer das Ganze ist und daß ein Philosoph sich in seiner ganzen Denkaktivität seit dem Anfang an wahr benehmen muß, um ein wahrer Philosoph zu werden und so auch um eine wahre Philosophie zu betreiben. Wann ist jedoch ein Philosoph ein wahrer Philosoph? Und was ist eigentlich eine wahre Philosophie?

Nach Platos Auffassung wird einer zum wahren Philosophen, wenn er sich – göttlich inspiriert – durch eine spezifische („erotische“) Liebe zur wahren Philosophie erobern und beherrschen läßt. Und was ist diese „wahre Philosophie“? Wie schon erwähnt wurde, übernimmt Platos Sokrates die als pythagoreisch überlieferte Interpretation der Philosophie als einer Liebe (FILIA) zur Weisheit. Schon diese Liebe sei vom Eros inspiriert und hervorgerufen; falls ein wahrer Philosoph die wahre Philosophie mit einer erotischen Liebe lieben muß, liebt er eigentlich die Liebe zur SOPHIA, zur Weisheit. Aber auch von dieser (erotischen) Liebe zur Philosophie gilt, daß sie wahr sein muß. Anderswo sagt Plato, daß nur solche Philosophen als wahr beurteilt werden dürfen, die liebend die Wahrheit betrachten. Vielleicht ist es gerade hier nicht notwendig, die griechische Neigung zu einem sehartigen Verständnis des erkennenden Zutritts zu Wirklichkeit überspannt zu unterstreichen. Es ist doch nicht zu übersehen, daß es zu einer wahren Betrachtung lebenswichtig ist liebend zu betrachten die Wahrheit, denn ohne eine solche Liebe zur Wahrheit keine wahre Schau, kein wahres Philosophieren und kein wahrer Philosoph möglich sind.

Ganz ersichtlich ist Platos Überzeugung, daß es sich nicht um beliebiges, sondern nur um ein wahres Wahrheitsbetrachten handelt; nicht um jede nur mögliche Liebe (zur Wahrheit oder zur Philosophie), sondern nur um eine wahre; es handelt sich sogar nicht um alles Philosophieren, sondern wieder nur um ein wahres; das Wichtigste ist nicht zu einem Philosophen zu werden, sondern nur zu einem wahren. Gerade das ist äußerst wichtig für unser Nachdenken über das Verhältnis zwischen der Philosophie und der Wahrheit. Die Philosophie ist also nicht auf das Wissen über die Wahrheit (oder besser über die Wahrheiten) zu reduzieren, denn wäre so sein Wissen überhaupt möglich, müßte auch es „wahr“ sein: die Wahrheit bleibt die letzte und höchste Norm jedes wahren Urteils, jedes wahren Denkens, jeder wahren Philosophie – und auch jeder wahren Liebe zur Wahrheit selbst. Die Wahrheit ist dem Philosophieren nicht als etwas vor ihm stehendes, gegenständliches gegeben, sondern sie muß ihm seit dem Anfang an anwesen: das Philosophieren muß in der Wahrheit seinen eigenen Anfang haben und auch anerkennen, es muß sich der Wahrheit ergeben, um selbst zu einem wahren Philosophieren zu werden und so zu wahrem Erkennen zu gelangen. Der Philosoph muß sich als den wissen, der in die Anwesenheit der Wahrheit gestellt wird, der also vor ihr steht und der unmöglich anders als vor ihr und in ihr, in ihrem Licht stehen, und das heißt: leben und denken darf und muß. Und das alles aus einer leidenschaftlichen Liebe zu ihr, in der er nicht nur die Wahrheit, sondern nicht weniger auch die Liebe zur Wahrheit liebt, so daß es die Wahrheit selbst ist, die in ihm die Liebe zur Wahrheit hervorruft, und auch die Liebe zur Philosophie, zum unermüdlichen Philosophieren.

Schon zu den ersten Anfängen der vorsokratischen Philosophie gehörte das intensivste Fragen nach der Natur der waltenden Anfänge, d. h. der ARCHAI. Im gewissen Sinne könnten wir unter ARCHE gerade die Wahrheit verstehen: sie „ist“ am Anfang aller wahren Ereignisse, alles wahren Lebens und alles wahren Denkens – und sie „walten“ über alles, über die ganze Welt, jedoch nicht als Gesetzmäßigkeit, sondern als Ursprung und Sinn von alldem, was „sein soll“, wenn es wahr sein soll. Also ist die Zukunft die Hauptdomäne der Wahrheit. In unserer tschechischen Tradition wurde schon viel darüber nachgedacht, was ursprünglich in dem apokryphen sog. III. Buch Esra (3,12 u. 4,38) zu finden ist und was für die ganze folgende Geschichte des tschechischen Denkens besonders von Magister Johannes Hus geprägt wurde. Zwei Zitaten aus Hus werden erwähnt. „Super omnia vincit veritas.“ „State in cognita veritate, que super omnia vincit et ivalescit in eternum.“ Kein Wunder, daß nach der tschechischen Wiedererweckung sogar noch im zwanzigsten Jahrhundert mindestens die größten Köpfe anders über die Wahrheit denken als über eine bloße Übereinstimmung.

Die Frage besteht jedoch, wie eigentlich sich die Wahrheit durchsetzen kann, das heißt, welcher Mittel sie sich bedient in ihrem siegreichen Zug quer durch die Geschichte. Wir müssen uns im weiteren auf den Menschen beschränken. Im Menschen und durch den Menschen setzt sich aber die Wahrheit gerade als Wahrheit durch. Unter welchen Bedingungen? Es geschieht inmitten der Reflexion. Die Philosophie versteht sich selbst immer mehr als eine ausgeprägt prinzipielle, kritische und systematische Reflexion. Ein prinzipielles, kritisches und systematisches Denken wird zu einer wahren Philosophie, wenn es sich inmitten seiner Reflexionen dem Aufruf und der Aufforderung der Wahrheit aufschließt. Im Lichte und unter der Norm der Wahrheit hat nur eine solche Philosophie Wert und Sinn, wenn sie den Menschen zu einem besseren Offensein für die Wahrheit vorbereitet und führt. Die wahre Philosophie besteht also darin, daß sie dem reflektierenden Menschen ermöglicht, besser zu wissen, was er eigentlich tut, wenn er reflektiert und wenn er sich inmitten einer Reflexion dem Ankommen der Wahrheit öffnet und zur Disposition stellt. Einen solchen Dienst kann keine Wissenschaft dem Menschen leisten; gerade umgekehrt braucht jede Wissenschaft auch besser zu wissen, was sie eigentlich betreibt, wenn sie forschend wahre und unwahre Erkenntnisse unterscheidet und als wahr oder unwahr enthüllt. Es gehört zu den Fachangelegenheiten der Philosophie, daß sie immer neue Wege aufdeckt, um jede wichtige Reflexion auf neue kritisch zu reflektieren. Wie kann jedoch eine Reflexion mit der Wahrheit in „Berührung“, in „Kontakt“ kommen? Dazu müssen wir uns klar machen, was zur Struktur jeder wahren Reflexion gehört.

Man ist gewohnt, das Wort Reflexion bloß im Sinne des Nachdenkens überhaupt zu verstehen (so ist es besonders im Französischen). Streng genommen kann man aber nicht über Gegenstände oder gegenständliche Wirklichkeiten „reflektieren“, sondern nur über eigene Tätigkeiten, über eigene Aktionen. Und weil jede Reflexion auch eine Art von Aktion ist, kann man auch eine solche Reflexion reflektieren. Vieles beiseite lassend werden wir uns jetzt nur auf einen für uns in diesem Kontext wichtigen Punkt. In der Reflexion wendet sich der Reflektierende von den äußeren Gegebenheiten ab und beginnt sich um sich selbst zu interessieren. Niemand ist ursprünglich sich selbst „gegeben“, sondern jeder muß sich selbst erst aufsuchen (das wußten schon die alten Griechen, z. B. auch Herakleitos); man muß „sich selbst erkennen“. Für uns klingt es jedoch, als ob jeder sich immer schon „hat“, nur daß er sich nicht „kennt“. Es ist jedoch anders: wir werden wir selbst dadurch, was wir tun, d. h. durch unsere Aktionen (und darunter auch durch unsere Reflexionen). Und unsere Aktionen sind meistens Reaktionen, und das bedeutet, daß sie von früheren Erfahrungen (mit anderen Leuten, verschiedenen Lebewesen und auch Dingen und Ereignissen) beeinflußt und geformt sind. Etwas daraus, was wir durch unsere bisherigen Aktionen geworden sind, müssen wir jedoch in jeder Reflexion außer uns und hinter uns lassen, wenn wir uns die Möglichkeit schaffen wollen, wieder dazu rückzutreten. Die Vorbedingung jeder Selbsterkenntnis ist ein gewisser Abstand von sich selbst. Wer sich selbst auffinden will, der muß sich erst von sich selbst distanzieren, er muß sich selbst „hinter sich selbst“ lassen, er muß sich irgendwie „verlassen“. Inwieweit sich der Reflektierende verläßt, um sich aufzufinden, insoweit verändert sich er dadurch und wird als der Findende schon ein bißchen anders als der Gefundene (und manchmal sogar ein „neuer Mensch“). Wie kommt es dazu?

Wir haben bisher nur über zweierlei Bestandteile oder Etappen der Reflexion gesprochen, nämlich über das Abtreten von sich selbst und über den Zutritt zu sich selbst. Man muß fragen, was darüber gesagt werden kann, was sich dazwischen ereignet, d. h. dort, wo der Reflektierende (in einem gewissen Umfang) sich selbst hinter sich ließ, aber noch nicht zu sich zurückkam. In dieser Mittelphase muß er gewissermaßen „außer sich“ bleiben. Und gerade dieser Moment des „Außer-sich-heraus-stehens“ kommt der Reflektierende eventuell in Kontakt mit der nichtgegenständlichen Wahrheit. Dieses „Zusammentreffen“ ist freilich etwas Absonderliches, weil in ihm der Reflektierende nicht dabei „sein“ kann, also nicht „anwesend“. Wir bestreiten in diesen Formulationen jedoch nicht das „dabei“ oder „an“, sondern das „Sein“ und das „Wesen“ des Reflektierenden. Er kommt in Kontakt mit der Wahrheit nicht in seiner Seiendheit, und das bedeutet: nicht in seinem „schon“ (und gar nicht in seinem „nicht mehr“), sondern in seinem „noch nicht“. Man könnte sagen, daß in diesem Zusammentreffen sich das „Noch-nicht“ der Reflektierenden eventuell mit dem „Noch-nicht“ der nichtgegenständlichen Wahrheit trifft; über Begegnung kann man überhaupt nicht sprechen, weil sich diese zwei „Noch-nicht“ gegenüber stellen nicht.

Also wird die „Mittelphase“ der menschlichen Reflexion das einzige Ort in der Welt, wo sich die Wahrheit als Wahrheit „zeigt“ und von woher sie sich als Wahrheit durchzusetzen beginnt. Dazu müssen ja noch zwei Bemerkungen hinzugefügt werden. Erstens muß man sich klar sein darüber, daß das Zusammentreffen des Reflektierenden mit der Wahrheit in keinem Falle als seine Leistung angesehen werden kann. Das erwähnte „Außer-sich-selbst-stellen“ ist nichts mehr als ein Offensein, als eine hoffnungsvoll und liebend erwartende Bereitschaft ist zum Hören von „etwas“, was durchaus kontingent „ist“ (wir dürfen hier eigentlich überhaupt nicht das Wort „Sein“ oder „ist“ in einer strengen Bedeutung benutzen). Das Zusammentreffen mit der Wahrheit als solcher ereignet sich immer nur als ein Einfall des in der Reflexion Offenseienden und zum Hören (und Gehorchen) Vorbereiteten, und das bedeutet als ein Einfall, dem schon vieles Menschliche beigemischt wird, dem sehr oft ein schlimmes Hören und falsches Verstehen innewohnt und worin sich immer noch zuviel der Reflektierende selbst durchsetzt. Die Ansprache und die Aufforderung der Wahrheit ist „still und sanft“, auch wenn sie manchmal durch „Erdbeben“ oder „Feuer“ begleitet wird. Der Abstand des Reflektierenden von sich selbst zeigt sich auch darin, daß er duch sein eigenes Denken und Sprechen die Stimme der Wahrheit nicht überschreit. Und das ist das Zweite.

Auch dort, wo der denkende und reflektierende Mensch subjektiv aufrichtig überzeugt ist, daß er die Wahrheit gehört und verstanden hat und wo er auch ganz aufrichtig bereit ist, im Dienste dieser so gehörten und verstandenen Wahrheit alles aufzuopfern, vielleicht auch sein eigenes Leben – auch dort kann es immer noch eine Selbsttäuschung sein. Es gibt keine einfachen Mittel, eine solche mögliche Täuschung und Selbsttäuschung zu enthüllen und zu demaskieren. Man kann so was nie durch Untersuchungen des Ereignisses des vermeintlichen Zusammentreffens mit der Wahrheit überprüfen, sondern nur in einem methodischen, systematischen und durchaus kritischen Verfahren, das denkerisch höchst anstrengend ist und wozu man vorzüglich erzogen werden muß, das aber gegenständlich sich den konkreten Tatsachen zuwendet und nicht der nichtgegenständlichen Wahrheit. Und gerade hier öffnet sich die nie endende Aufgabe der Philosophie, die – obzwar fachlich kompetent – sich niemals durch die einmal schon ausgearbeiteten Methoden und durch keine Rücksicht zum ganzen bisher aufgebauten System dazu verführen läßt, die kritischen Mittel und die methodischen Instrumente zur höchsten und letzten Instanz zu inaugurieren und damit unter ihre Norm auch die Wahrheit selbst zu unterordnen.

Die Philosophie, die denkend die Wahrheit gegenständlich zu begreifen versucht, wird entweder zur Wissenschaft, oder zum Mythos (eventuell in einer Synkresis zum Wissenschaftsmythos). Die Philosophie, die die Wahrheitsfrage ablehnt oder die Wahrheit auf etwas anderes überführt, wird zur Sophistik. Die wahre Philosophie ist nur dort möglich, wo ein Philosoph bereit ist, sich der Wahrheit zu ergeben, die er nicht „hat“ und die er nie „haben“ wird und die sogar nichts Seiendes „ist“. Kein Philosoph ist imstande, etwas Wahres über die Wahrheit zu sagen, aber zugleich kann er keine wahre Aussage über eine Wirklichkeit aussprechen, ohne sich nichtgegenständlich zur Wahrheit zu beziehen. Das ist jedoch etwas, was die Philosophie in ihrer ganzen bisherigen Geschichte nicht imstande ist, qualifiziert genug zu vollziehen. Sich intensiv mit der ganzen Problematik der Wahrheit zu beschäftigen bedeutet für die Philosophie, mit einer ganzen Epoche ein Ende zu machen und mit einem neuen Denken anzufangen. Das kann einerseits als Ende der Philosophie angesehen werden. Eine Wahrheit aber, die nicht gegeben wird und die es „nicht gibt“, stellt für das Philosophieren keine Grenze vor, die für die Philosophie nicht zu überschreiten wäre, sondern zum Gegenteil schafft auch der Philosophie neue freie Räume und offene Wege zum Vorwärtsschreiten. Die einzige Bedingung besteht in einer ähnlich sorgfältigen Ausarbeitung der philosophischen Denkmethoden im Bereich der nichtgegenständlichen Intentionen, als bisher getan wurde mit den gegenständlichen. Die Philosophie muß ihre bisher wenig oder gar nicht bewußte Arbeit mit den nichtgegenständlichen Intentionen reflektieren und dann Schritt für Schritt aus den Untersuchungen notwendige Konsequenzen für die Denkpraxis ziehen. Das bisherige gegenständliche Denken darf nicht einfach abgeschafft werden, sondern nur in seiner Einseitigkeit eingesehen und korrigiert werden. Es ist nicht die wahre Philosophie, der ein Ende droht, sondern nur ein niedergegangenes Denken, das sich nur um Seiendes interessiert und jeden Gedanken, daß auch ein Nicht‑seiendes wirklich „sein“ könnte, vorurteilend ablehnt. Die Wahrheit ist jedoch letzten Endes siegreich: sie siegt über alles, über alle Irrtümer, über alle Lügen und auch über alle Vorurteile. Die Philosophie hat – als PHILALETHEIA – eine gute Zukunft; ihre Zukunft ist die Wahrheit selbst.