Masaryks Vision

(in: Dazwischen. Ostmitteleuropäische Reflexionen, Frankfurt am Main : Suhrkamp Verlag, 1989, ed. Frank Herterich, ISBN: 3-518-11560-X)


Der nachfolgende Text gibt Hejdäneks Antworten auf Fragen wieder, die ihm die Herausgeber zum politischen Denken T. G. Masaryks, des Philo­sophen, Staatsgründers und ersten Präsidenten der Tschechoslowakei nach 1918 gestellt haben. Gefragt wurde nach Masaryks Theorie der tschechi­schen Identität, nach seiner Auffassung der historischen Rolle der Tsche­chen in Europa, nach dem Verhältnis des Westens zu Rußland bzw. der Sowjetunion. Die Diskussion über T. G. Masaryk, an der sich Hejdänek mit wichtigen Beiträgen beteiligte, will den Blick öffnen für Errungen­schaften wie Versäumnisse der demokratischen Republik der Zwischen­kriegszeit. Damit soll gleichzeitig kritisches Material bereitgestellt werden für die Beantwortung der Frage, welches Selbstverständnis eine demokra­tisch erneuerte Tschechoslowakei bestimmen sollte.

Die Frage nach der historischen Identität der tschechischen Na­tion führt in einen für Masaryk wesentlichen Problembereich. In Anknüpfung an die Denker der tschechischen Wiedergeburt ging Masaryk von Herders Philosophie aus bzw. übernahm dessen Idee, wonach alle Nationen ihren eigenen, unverwechselbaren Charakter haben. Er übernahm diese Idee aber sehr kritisch. Statt die nationale Identität aus Naturgegebenheiten zu begründen, wie es Herder (und mit ihm eine Reihe unserer tschechischen nationa­len »Wiedererwecker«) getan hatte, betonte Masaryk die Bedeu­tung bewußter, programmatischer Aktion in der Geschichte für die Entwicklung des nationalen Charakters. Nicht Naturwüch­sigkeit bestimmt ihn, sondern Konzeptionen, die geschichtsmäch­tig geworden sind. Die Nation ist ein Gedankenprodukt, in dem sich Bewußtheit und moralische Entscheidungen konzentrieren. An der Nation kann mit Blick auf die Zukunft gearbeitet werden, sie ist veränderbar. Diese Auffassung machte es Masaryk möglich, auf neue Art an die Vergangenheit anzuknüpfen. Eben an diesem »Anknüpfen« entzündete sich die Kritik an Masaryk. Er habe zwi­schen der tschechischen Reformation und der Wiedergeburt der tschechischen Nation willkürlich einen Zusammenhang konstru­iert, wie er auch später, im neuen Staat der Tschechoslowakei, von der Notwendigkeit gesprochen habe, die Ideale des Hussiten­tums, der Böhmischen Brüder etc. hochzuhalten und ihnen nach‑

zuleben. Diese Kritiker haben nie begriffen, daß es Masaryk nicht um die Beschreibung einer historischen Entwicklung gegangen ist. Ihr Vorwurf, Masaryk habe sich einfach über die 30o Jahre zwischen dem Verlust der böhmischen Eigenstaatlichkeit und ih­rer Neubegründung hinweggesetzt, zielt deshalb ins Leere. Denn Masaryk war der Überzeugung, daß eine Nation durch stets er­neuerte gedankliche Arbeit am Leben erhalten werden müsse, daß man aus dem geschichtlich Gegebenen frei wählen könne. Be­stimmte Traditionslinien sollten aufgenommen, andere verworfen werden. Hier mündet Masaryks Auffassung in die Philosophie Emanuel Rádls, seines bedeutendsten, vielleicht einzigen Schü­lers, ein und wird durch sie weiter präzisiert.

Wie sah Masaryk den Zusammenhang zwischen der tschechi­schen nationalen Identität, der Wiedergeburt der Tschechoslowa­kei und der europäischen neuzeitlichen Geschichte? Masaryk war der Überzeugung, daß im Europa der Neuzeit eine historische Tendenz wirksam sei, die er als Übergang von der Theokratie zur Demokratie analysierte. Für Europa habe diese Tendenz fast ge­setzmäßigen Charakter, sie sei aber in ihrer Bedeutung universell. Auch hier war Masaryk weder objektivierender Historiker noch Soziologe — obwohl sein Interesse stets zur Hälfte der Soziologie galt; Soziologie war für ihn Geschichtsphilosophie. Ein wenig knüpfte er an Comte an, aber auch hier gilt das gleiche, was ich schon über seine Auffassung des Nationenbegriffs sagte: die De­mokratie stellt für ihn ein bestimmtes — nie abgeschlossenes ­Programm dar, das man immer mehr präzisieren und vervoll­kommnen muß, um es in der Gesellschaft wirksam werden zu lassen. Eben das Programm einer sich ständig vertiefenden Demo­kratisierung.

In diesem Sinne verband Masaryk das Demokratisierungspro­gramm mit der »sozialen Frage« und mit dem Sozialismus. Für ihn richtete sich die »soziale Frage« an die Demokratie und die Demo­kraten. Den Sozialismus verstand er als einen Versuch, diese Frage im Rahmen des Demokratisierungsprozesses zu lösen. Deshalb erklärte er sich auch in einer Reihe von Fragen mit den Sozialisten einverstanden, obwohl er mit anderen nicht übereinstimmte.

Wie führte Masaryk die eben skizzierte europäische Entwick­lungstendenz mit der tschechischen Geschichte zusammen? Masa­ryk verwies oft und nachdrücklich auf die Besonderheit der Ent­wicklung der tschechischen Nation im Vergleich zu den Nationen

Mitteleuropas, vielleicht Europas überhaupt. Infolge bestimmter historischer Katastrophen — besonders der des Dreißigjährigen Krieges, aber es gab schon Vorboten der Katastrophe — geriet die teschechische Nation in eine Lage, in der sie nicht nur ihrer Intel­ligenz, sondern auch ihres Adels beraubt wurde. Sie wurde auf eine Gesellschaft von Bauern reduziert, auf den Stand eines leib­eigenen Landvolks. Nur in ländlichen Gebieten wurde die tsche­chische Sprache bewahrt. Die gebildeten Schichten, die städtische Kultur, bediente sich nahezu ausschließlich des Lateinischen, später kam es im Rahmen der Aufklärungspolitik unter Maria Theresia und Joseph II. zu einer mächtigen Germanisierungs­welle. Die tschechische Nation war tatsächlich am Ende. Eine Weiterexistenz war nur durch eine Wiedergeburt denkbar. Es muß schon als Ironie betrachtet werden, daß den größten gedanklichen Beitrag zu dieser Wiedergeburt gerade die deutsche Philosophie geleistet hat, besonders diejenige Herders.

Innerhalb der Habsburger Monarchie war die Stellung der böh­mischen Länder und der tschechischen Nation ziemlich unge­wöhnlich gewesen. Böhmen und Mähren gehörten zu den indu­strialisiertesten Teilen der Monarchie, aber zugleich zu den am wenigsten selbständigen. Das tschechische Bürgertum, die Unter­nehmer und Intellektuellen, die während der nationalen Wieder­geburt im 19. Jahrhundert aufwuchsen, konnten unter diesen Bedingungen nur aus der Landbevölkerung stammen. Eine bür­gerliche Gesellschaft mit all jenen Bindungen und Polarisierun­gen, wie sie für andere europäische Nationen charakteristisch war, hat sich in den böhmischen Ländern eigentlich nicht oder ziemlich spät entwickelt. Die Folge war ein Charakteristikum der tschechi­schen Gesellschaft, das Masaryk — in Abgrenzung von Theorien der »Naturgegebenheit« — als eine geschichtlich entstandene Basis­demokratie kennzeichnete. Gerade dieser Besonderheit wegen war nach Masaryks Meinung die tschechische Nation besonders befähigt, einen demokratischen Staat zu bilden. In gewissem Sinn hat diese Theorie eine Bestätigung durch die Praxis gefunden, denn nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Tschechoslowakei zum demokratischsten Staat Mitteleuropas und kurz vor dem Zweiten Weltkrieg war es der einzige, der in dieser Region demokratisch geblieben war. Jene 20 Jahre haben ausgereicht, um die Demokra­tie in unserem Land tiefe Wurzeln schlagen zu lassen. Bis auf den heutigen Tag empfinden fast alle Menschen bei uns diese demokra‑

tische Verwurzelung als etwas Positives und als etwas, was ihre alltägliche, praktische Orientierung bestimmt.

Diese geschichtliche, fast autochthone Begründung des Demo­kratieverständnisses der tschechischen Nation wurde von dem Philosophen Rádl der Kritik unterzogen. Natürlich, sagte er, gäbe es in der Gesellschaft Demokratismus, aber man müsse differen­zieren, denn einige Züge dieses Demokratismus seien unannehm­bar.

Einige lebenswichtige Grundfragen seien einfach nicht abstim­mungsfähig. Man müsse das Konzept einer Mehrheitsdemokratie entwickeln, deren Hauptziel darin bestehen solle, Raum für das freie und verantwortliche Handeln des einzelnen und auch der Minoritäten zu schaffen. Nicht der kollektive Charakter der De­mokratie solle deshalb im Vordergrund stehen, sondern die Mög­lichkeit, freien Raum für die Initiative jener Menschen zu gewin­nen, die im Einklang mit ihrem Gewissen für Freiheit und Gerechtigkeit kämpfen, auch wenn sie zu Anfang alleinstehen. Die Demokratie soll gerade jenen Nonkonformisten, von denen die Qualität des künftigen Lebens am meisten abhängig ist, einen geeigneten Boden bereiten, so daß sie die anderen überzeugen können. Jede Wahrheit, sagt Rádl, werde zuerst von einer Minder­heit ausgesprochen und stets sei es sehr mühsam, die Mehrheit davon zu überzeugen, daß sie diese Wahrheit akzeptiert. Sowohl das Leben einer Nation und einer Gesellschaft wie auch die Demo­kratie selbst — die nicht nur politischen Charakter hat, sondern Bestandteil der Lebensweise der Gesellschaft ist — müssen in Ideen und Konzeptionen verankert werden, die den jeweiligen tatsäch­lichen Zustand der Gesellschaft, die Gruppeninteressen etc. tran­szendieren — dies die wesentliche Ergänzung Masaryks durch Rádl.

Masaryk war sehr empfindlich für Fragen, die die Aufmerksam­keit Europas und der Welt erregten. Neben den Werken, in denen er die tschechische Nation, ihre Eigenart und Identität behandelte, neben seinen Arbeiten zur sozialen Frage befaßte er sich ausführ­lich mit der Beziehung Rußlands zu Europa in der Vergangenheit und mit der zukünftigen Stellung Rußlands in Europa und der Welt. Diese Schriften zeugen von tiefer Realitätskenntnis — ich glaube, daß es sich auch heute noch lohnt, sein Rußland und Eu­ropa zu lesen, wenngleich dieses Buch vor 1914 geschrieben wor­den ist (die ersten beiden Bände sind erschienen, der dritte, unvollendete, ist bislang nur in englischer Sprache ediert worden). Masaryk zeigt hier, daß die europäische Tradition einen starken Einfluß auf Rußland ausgeübt hat, daß sie jedoch auf eine ganz spezifische Weise transformiert wurde. Er arbeitet die Bedrohung Rußlands durch Tataren und Mongolen, die Prägung durch die orthodoxe Orientierung des russischen Christentums, den byzan­tinischen Einfluß als spezifische Züge der russischen Entwicklung heraus. In Rußland wurde die europäische Idee ganz eigenartig gefärbt, und in dieser Färbung wirkte sie auch auf das westliche Europa zurück. Masaryk besteht darauf, daß das, was er als euro­päische Idee konzipiert, Rußland einschließt, mithin Rußland zu Europa gehört.

Diese Haltung ist meiner Ansicht nach richtig, auch wenn sie heute vielleicht auf wenig Verständnis stößt. Wenn man heute im Westen über Europa spricht, wird damit nur Westeuropa gemeint. Von Mitteleuropa nach Osten wird alles der Sowjetunion zugeord­net — was lediglich ein Reflex der Vergrößerung der Machtsphäre ist, die diese zweite Supermacht nach dem Zweiten Weltkrieg er­rungen hat. So sieht es vielleicht auf einer geographischen Karte aus. Würden wir aber eine Karte der kulturellen »Einflußzonen« zeichnen, sähe das Ergebnis anders aus. Europa — das ist natürlich mehr als West- und Mitteleuropa. Es reicht weit ins Innere jenes Staatengebildes, welches die Sowjetunion heute darstellt. Auch hier lohnt es sich, in Masaryks Nachfolge Emanuel Rádl zu er­wähnen. Nach dem Ersten Weltkrieg begab er sich auf eine große Reise in die Länder des Orients, deren Ergebnis sein Werk West und Ost (tschechisch: Zäpad a Vjchod) war. Im Einklang mit Ma­saryk betont Rádl die Zugehörigkeit Rußlands zu Europa. Rádls Denken kreist dabei um die Frage, was das Europäertum bedeutet und wozu dieser Begriff verpflichtet. Er kommt zu dem Ergebnis, daß Rußland künftig die Rolle eines produktiven Vermittlers zwi­schen Orient und Okzident spielen könne.

In seinen Arbeiten über Rußland und Europa befaßte sich Ma­saryk besonders mit der Interpretation der Werke Dostojewskijs. Er verfaßte eine Studie über Dostojewskij, aber auch in Rußland und Europa sind weite Passagen Dostojewskij gewidmet. Dabei wird deutlich, daß Dostojewskij sowohl durch die russische Or­thodoxie beeinflußt ist als auch durch westliche Ideen. Es sei deshalb falsch, so Masaryk, Dostojewskij als Antieuropäer, als einen Kritiker Europas von orthodoxen Positionen her zu sehen.

Im Gegenteil: Für Masaryk ist Dostojewskij ein Dichter, der ge­rade dank der spezifischen Ingredienzien seines russischen Euro­päertums imstande war, Mängel und Nachteile des westlichen Europäertums schärfer zu sehen als seine westlichen Zeitgenos­sen. Wenn man heute sowohl einige seiner Romane als auch sein Tagebuch eines Schriftstellers liest, muß man zugeben, daß seine Kritik den Kern des Problems trifft. Seine Kritik des Westens muß heutzutage nicht in allen Punkten akzeptiert werden, für die kriti­sche Selbstreflexion des westlichen Denkens und der westlichen Kultur ist sie jedoch fast unentbehrlich. In diesem Zusammenhang sollte auf Dostojewskijs Kritik der Französischen Revolution ver­wiesen werden. Gerade an ihr kann man demonstrieren, daß Do­stojewskij sich der besten europäischen Ideen annimmt und sie gegen eine Tendenz verteidigt, die seiner Meinung nach von der Tradition dieser Ideen abwich. Haben nicht die auf die Französi­sche Revolution folgenden zwei Jahrhunderte radikale politische und soziale Bewegungen hervorgebracht, deren negative Seiten ­in der Französischen Revolution angelegt — selbst die große Russi­sche Revolution beeinflußt haben, und ist damit Dostojewskijs Denken samt seiner Interpretation durch Masaryk nicht aktuell? Masaryk kritisierte heftig eine Interpretation der Geschichte, die sich in schierem Objektivismus erschöpft. Er ist überzeugt, daß in der Geschichte Personen handeln, die keine bloßen Exponenten oder Produkte der verschiedenen sozialen Kräfte und Einflüsse sind. Sie sind vielmehr historische Subjekte, die darüber entschei­den, welche der gesellschaftlich wirksamen Einflüsse zum Durch­bruch kommen und wie eine historische Integration zustande kommt. Denn der Grund dafür, daß in der Geschichte überhaupt ein Sinn gefunden werden kann, daß sie mehr ist als objektiv ab­laufende Prozesse, liegt in der Fähigkeit des einzelnen Menschen, eine solche Integration hinter den sogenannten objektiven Prozes­sen einzusehen und zu begreifen. Nur dank dieses Umstandes können wir überhaupt davon sprechen, daß es irgendeine Verant­wortung des Individuums in der Geschichte gibt. Nur deshalb können menschliche Persönlichkeiten als einzigartige, in Ge­schichte und Gesellschaft unverwechselbare Individuen entste­hen. Masaryk betont hier die Verantwortung für die Integration des eigenen Lebens und des Lebens der Gesellschaft. Soziale, po­litische und kulturelle Projekte sind nach seiner Meinung die Konsequenz der Berufung der Einzelpersönlichkeit zur Integra‑

tion ihres Lebens. Mir scheint, dies ist eine der bemerkenswerte­sten Ideen Masaryks. Leider habe ich den Eindruck, daß ihr bislang nicht genug Aufmerksamkeit gewidmet worden ist.

Welche Schlußfolgerungen könnte man aus diesen kursorisch dargelegten Ideen Masaryks für die Gegenwart und Zukunft Eu­ropas ziehen? Wir müssen Europa als Ganzes sehen, nicht nur den heutigen Westen. Vom Atlantik bis zum Ural — wie es de Gaulle einst formulierte. Wir wissen, daß sich dieses Europa schon lange in der Krise befindet, einer Krise, die das Ende seiner kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Existenz, ja seiner Zivilisation be­deuten könnte. Das ist ein fundamentales Problem, jeder Intellek­tuelle hat die Verpflichtung, sich mit der Frage der Vergangenheit und Zukunft Europas auseinanderzusetzen und sie möglichst ge­nau und effektiv zu beantworten. Von welchen Seiten der europäi­schen Geschichte müssen wir uns unbedingt distanzieren, wel­chen Traditionen können wir uns anschließen? Mir scheint es vor allem um den Versuch zu gehen, ein Programm zu entwerfen, das Europa helfen kann, nicht nur in einer zukünftigen Welt zu beste­hen, sondern für sie eine wichtige, ja sogar unentbehrliche Hilfe zu leisten. Nie wieder wird Europa die Machtrolle spielen, die es in der Vergangenheit gespielt hat. Ich denke, daß wir uns in einer Situation befinden, die Ähnlichkeiten mit dem Schicksal Grie­chenlands in der Antike aufweist. Griechenland ging nieder, ja wurde sogar an den Rand der geschichtlichen Entwicklung ge­drängt, während sein geistiger Einfluß die Jahrhunderte be­herrschte. Oder drängt sich vielleicht noch mehr eine Analogie zum Zerfall des römischen Reiches auf, dem eine Periode folgte, die die Barbarisierung noch steigerte, die die letzten Jahrhunderte des Reiches begleitet hatte? Aber wurde diese Barbarisierung nicht im Geist und im Namen jener Ideen bewältigt, die Europa schon seit seinen griechischen Anfängen und seit dem Beginn der römi­schen Tradition geprägt hatten?

Mir scheint, daß heute Mittel- und vielleicht auch Osteuropäer sich stärker ihrer »europäischen« Aufgabe bewußt sind als die westeuropäischen Intellektuellen. Auf jeden Fall aber meine ich, daß sich gerade bei uns — vielleicht als Folge des eingangs erwähn­ten tschechischen Demokratismus — die Intellektuellen ganz be­wußt (und alle anderen vielleicht ebenso, wenngleich nicht so bewußt) als Europäer fühlen. Mehr als Europäer denn als Tsche­chen. Ich halte das für positiv. Die Welle des Nationalismus, die in

Europa noch nicht abgeebbt ist und die trotz einer gewissen Schwächung auch zukünftig innerhalb des sowjetischen Imperi­ums eine Rolle spielen wird, weist Europa keine Zukunftsper­spektive. Ich glaube, daß wir trotz sonstiger Mängel bei der Diskussion der europäischen Fragen einen Vorsprung haben, daß wir hier objektive Voraussetzungen vorfinden, um über die Zu­kunft Europas gründlicher und mit mehr Enthusiasmus nachzu­denken denn anderswo.

1987

(Aus dem Tschechischen von Pavel Lipka und Christian Semler)