ZUR GESCHICHTE UND GEGENWÄRTIGEN LAGE DER PHILOSOPHIE IN DER ČSR


ABSTRACT. Official Czech philosophy has been dominated by a mix of Engelsian philosophy of science and positivism, a combination explained in part by the survival of positivism in Czechoslovakia and the failure of analytic philosophy to make inroads into Czech thinking. However, due to Jan Patocka’s influence in espousing the works of Husserl and Heidegger, there was an anthropologically oriented Marxism (K. Kosik) although its successes were greater abroad than in Czechoslovakia. A more neopositivistic variant (L. Tondl) of Marxism also appeared, but it was a short-lived phenomenon without purchase on mainstream philosophy.


A certain renewal of Czech philosophy was evident before 1968, once again largely due to Patocka’s influence. Foreign guests who took part in informally organized, often secret, seminars and discussion groups were very instrumental in spreading new ideas. Despite these positive occurrences, Czech philosophy is experiencing a crisis at the level of the middle generation of non-academic, philosophically competent intellectuals among whom sceptical and nihilist attitudes prevail. A rebirth of spirit may be in the offing if the recovery of the specific sense of the Czech Reformation’s idea of ‘truth’ is pursued.

Während in der Zeit des alten Österreichs sich der Positivismus — gegen den vormals offiziellen Herbartismus — als die bedeutendste philosophische Richtung durchgesetzt hatte, so daß in der ersten Republik sogar das Schulwesen davon durchdrungen war, erwies sich diese Philosophie schon in den dreißiger Jahren als vollkommen steril und überlebte nach dem Krieg nur noch in Vorurteilen. Trotz einiger Bemühungen gelang es bis in die 60er Jahre auch nicht, den Neopositivismus bei uns anzusiedeln. Dasselbe gilt von der analytischen Philosophie, die erst seit etwa 10 Jahren studiert und inzwischen sogar etwas betrieben wird. Dagegen kam es in der unmittelbaren Nachkriegszeit und besonders nach dem Februar 1948 zu einer bedauerlichen Synkre- sis des besonders aus der Sowjetunion eindringenden Marxismus mit Überbleibseln des alten Positivismus.

Im Ergebnis handelte es sich bekanntlich mehr um „Engelsismus” als um die Ideen von Marx. Dagegen wandten sich jüngere Marxisten schon bald dem jungen Marx und seinen hegelschen Voraussetzungen zu. Vor allem in der Akademie bildete sich eine Gruppe von sog. anthropologischen Marxisten, die nicht nur an Marx und Hegel orientiert waren, sondern sich auch für die Existenzphilosophie interessierten.

Gerade diese Gruppe war es, die sich dafür einsetzte, daß Jan Patočka — zwar nicht als wissenschaftlich arbeitender Philosoph, aber als Herausgeber philosophischer Literatur im Akademieverlag — in das Philosophische Institut der Akademie aufgenommen wurde. Patočka hat diese Stellung dazu benutzt, den jüngeren Marxisten Husserl und besonders Heidegger nahezubringen — mit dem Erfolg, daß sie später oft als Heideggero-Marxisten bezeichnet wurden. Man kann sagen, daß gerade diese anthropologisch orientierten Marxisten (deren führender Kopf Karl Kosík war) wesentlich dazu beigetragen haben, den alten Positivismus endgültig zu begraben und in der Philosophiegeschichte unserer Länder einzuordnen. Es gab freilich zur selben Zeit eine kleinere Gruppe neopositivistisch orientierter Marxisten, deren Haupt Ladislav Tondi war. Sie haben sich seit den 60er Jahren lediglich auf dem Gebiet der Logik engagiert und versucht, neuere Entwicklungen der analytischen Philosophie zu rezipieren. Aber es ist ihnen nie gelungen — ja sie haben nicht einmal einen ernsthaften Versuch unternommen — zu einer Art Synthese von Marxismus und Neopositivismus bzw. analytischer Philosophie zu gelangen.

Neben diesen Hauptrichtungen, deren Vertreter jedoch nach der Intervention von 1968 und den darauf folgenden politischen Veränderungen aus den Instituten und Universitäten entfernt wurden, gab es Einzelgänger und kleinere Gruppen, die besonders in der zweiten Hälfte der 60er Jahre zum Vorschein kamen. Nur in wenigen Fällen haben sie an die älteren tschechischen Traditionen des philosophischen Denkens angeknüpft, die nach dem Februar 1948 unterdrückt wurden, d.h. vor allem an Masaryk und seine Schüler und Nachfolger. Es kam zu einer gewissen, eigentlich marginalen Konvergenz zwischen einigen protestantischen und einigen marxistischen Denkern, die sich auch in den späteren 60er Jahren um eine Neuinterpretation dieser Erbschaft bemühten. Das alles konnte im Prager Frühling kurz zu Wort kommen, aber ohne einen größeren Einfluß zu gewinnen.

Dagegen kommt einem anderen Phänomen größere Bedeutung zu, das mit Jan Patočka und seiner erneuten kurzen Tätigkeit an der

Universität zusammenhängt. Wie gesagt, konnte Patočka durch viele Jahre am Insitut für Philosophie seinen Einfluß als Phänomenologe auf die jungen Marxisten ausüben. Seit 1968 durfte er nach fast 20 Jahren wieder an der Universität Vorlesungen halten, wodurch sich sein außergewöhnlicher Einfluß auch im Kreis der Studenten ausbreiten konnte. Obgleich er schon 1972 wieder pensioniert wurde, war er der Initiator einiger Gruppen junger Leute, die später während der sog. Normalisierung weiter Phänomenologie betrieben, mit Patočka persönlichen Kontakt pflegten und nach seinem Tod im Jahre 1977 sogar mit einer vorläufigen Samizdat—Ausgabe seiner verstreuten oder vollkommen unbekannten Werke begannen. Insofern war Patočka, trotz der so ungünstigen äußeren Umstände seiner Lehrtätigkeit, überaus erfolgreich, weil er eine wirkliche philosophische Bewegung ins Leben gerufen und wesentlich dazu beigetragen hat, daß die Phänomenologie ins Geburtsland Husserls zurückkehren und hier endlich Wurzeln schlagen konnte.

Bisher läßt sich noch nicht beurteilen, inwiefern alle diese — vom Standpunkt der offiziellen Ideologie gesehen — Randgruppen in den letzten 20 Jahren philosophisch produktiv waren. Schon in den 70er Jahren, besonders aber in den 80er Jahren haben sich kleinere oder auch größere Studiengruppen gebildet, in denen man entweder in einer seminarähnlichen Form Texte gelesen und diskutiert, oder Vorträge mit anschließenden Diskussionen abgehalten hat. Außerordenlich wichtig waren dabei die zahlreichen Vorträge verschiedener ausländischer Gäste, die es ermöglicht haben, bis zu einem gewissen Grade — und natürlich mit begrenzter Wirkung — mit dem westlichen Denken in Berühung zu bleiben. Dazu halfen auch viele Bücher und Zeitschriften, die von den Gästen mitgebracht wurden.

In der Mehrzahl handelte es sich um Philosophen aus England, Frankreich und Holland; es kamen aber auch Denker aus Schweden, Norwegen, Belgien, Italien, Spanien usw. Aus Deutschland kamen zwei, aus den USA vier Philosophen. Das alles war vollkommen inoffiziell, in der Regel geheim (außer in drei Fällen von Seminaren) oder zumindest sehr unauffällig organisiert. Erst jetzt können die so geknüpften Beziehungen zur Basis einer offenen oder sogar offiziellen Zusammenarbeit zwischen Universitäten oder Instituten anderer Art werden. Aber gerade das bringt ernsthafte Probleme mit sich, die nur verständlich werden, wenn man die Gesamtlage der Philosophie in unserem Lande berücksichtigt.

Wie Sie sicher bemerkt haben, habe ich fast nur über Philosophie und philosophische Aktivitäten gesprochen, die außerhalb der Universitäten und Hochschulen und der Akademie betrieben wurden. Die werden jetzt wichtig, weil diese Leute sich in verschiedener Hinsicht durchgesetzt haben, und zwar nicht nur als Facharbeiter oder Lehrer, sondern auch in der Politik, wo sie keine Zeit mehr für Philosophie haben, aber doch wichtig sind. Für die gegenwärtige Lage bleibt jedoch am wichtigsten die schweigende Mehrheit der jüngeren und der ersten Hälfte der mittleren Generation. Diese Leute im Alter von 40—45 Jahren sind nicht nur durch die ganze Normalisierungsperiode zugleich geformt und abgestoßen worden, sondern sie sind oft relativ kompetent in ihren Kenntnissen (viel mehr als die Normalisatoren), aber zugleich Skeptiker, Nihilisten und oft gar Zyniker geworden, die die veränderte Situation als eine grundsätzliche Verbesserung zu beurteilen nicht nur nicht geneigt, sondern wahrscheinlich überhaupt nicht im Stande sind. Nicht nur in der Philosophie, sondern allgemein in der Gesellschaft gehört diese „verlorene Generation“ zu einem der größten Probleme unserer Zukunft. Man wird noch Untersuchungen durchführen müssen über ihren wirklichen Zustand. Schon jetzt kann man jedoch sicher sein, daß wir eine neue und andere Ausgabe der „skeptischen Generation” vor uns haben, über die vor Jahren Schelski geschrieben hat.

Man kann sich fragen — und man muß es tun — was in einer solchen Situation philosophisch unternommen werden sollte, um die tschechische Philosophie nicht nur zu einer gewissen Regeneration zu bringen, sondern den Philosophen besonders der jüngeren und der jüngsten Generation Wege in die Zukunft zu öffnen oder mindestens zu zeigen. Eine solche Aussicht gehört selbstverständlich auch zur Struktur der gegenwärtigen Situation und ist noch mehr als das bisher Angedeutete von ihrem Verständnis abhängig. Ich erlaube mir also noch ein paar Worte in diesem Sinne hinzuzufügen.

Vor 25 Jahren beendete Patočka ein Interview mit folgenden Worten: „Von allen philosophischen Fragen war bei uns das Wahrheitsproblem das wirksamste, und zu ihm haben wir auch unseren wesentlichsten Beitrag geliefert — einen Beitrag zu der tiefsten und dringendsten Frage”. Patocka gilt bei uns jetzt als der wichtigste tschechische

Philosoph der Nachkriegszeit. Vor 13 Jahren gestorben, ist seine Philosophie noch lange nicht gut bekannt und auch in den Kreisen der Eingeweihten nicht genug durchforscht und beurteilt worden. Patočka war ein Interpret hohen Ranges, aber in systematischer Hinsicht blieb er in seinen Publikationen äußerst bescheiden. Sein größtes systematisches Unternehmen blieb auch für seine Freunde und Schüler zum großen Teil unbekannt und wurde erst in den letzten Jahren in einer Samizdat Edition einem engen Kreis tschechischer Leser zur Verfügung gestellt. Ich glaube, daß das, was Patočka in dem Interview zur Wahrheitsproblematik sagte, viel zum Verständnis seines eigenen Werks beiträgt. Es handelt sich um eine alte, tief in die Vergangenheit des tschechischen Denkens hineinreichende Tradition, die ursprünglich aus der nichtgriechischen Denkart stammt, konkret nämlich durch gewisse Zitate aus dem sg. III. Ezra inspiriert worden ist, aber deren Wurzeln noch älter sind. Ohne näher darauf einzugehen, möchte ich nur als Randbemerkung hinzufügen, daß in der tschechischen Sprache eine etymologische Verwandtschaft zwischen Wörtern wie Recht, Gerechtigkeit, Richtigkeit, Wahrheit, Verbesserung, Regel, Verwaltung usw. besteht, was alles im Begriffe der Wahrheit synthetisch enthalten ist. Und gerade diese alte Tradition, die dem tschechischen Denken schon ganz am Anfang unserer sg. ersten Reformation vermittelt wurde, ermöglichte es einigen Denkern aus der Gefolgschaft Masaryk’s das Problem der Wahrheit in ganz neuem Verständnis zum Thema ihres Denkens zu machen. Das gilt vor allem von dem Philosophen Emanuel Rádl und dem Theologen Josef. L. Hromádka. Wenn Patočka von der Originalität des tschechischen philosophischen Beitrags zur Wahrheitsfrage sprach, muß er an diese zwei Denker vor allen anderen gedacht haben.

Ich wollte Ihnen ein Bild der aktuellen Lage der tschechischen Philosophie vorlegen, das als Resultat der Entwicklung des Denkens in der Nachkriegszeit heute zwei relativ kleine Bewegungen als für die Zukunft bedeutsam ausweist. Nämlich einerseits eine Ausmündung des anthropologisch orientierten Neomarxismus, in der zugleich an Ideen von Masaryk und seiner Schule angeknüpft wird. Zum anderen eine Ausprägung der tschechischen Phänomenologie, die sich noch verstärkt von Patočkas Ideen, aber auch von analogen Gedanken Radis, Hro- mádkas usw. inspirieren läßt. Vielleicht zeigt sich hier ein Ausweg aus der ungünstigen Lage der tschechischen Philosophie und zugleich Weg in die europäische Philosophie der Gegenwart.