ARCHIV LADISLAVA HEJDÁNKA
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Pravda a objektivita | Pojmy „objektivní“

Jan Patočka (1969)
Die Schwierigkeit, die im Titel gestellte Frage zu beantworten, liegt darin , daß wir keinen objektiven Begriff von Existenz haben. Wie aber soll man die Existenz denken, wie über sie sprechen, wenn doch das Wesen eines Begriffes gerade in der Objektivität liegt, die den Gedanken dergestalt fixiert, daß alle in ihm nicht nur Gleiches, sondern Identisches denken. Auf dem Denken des Identischen beruht ja unser ganzes Wissen, die ganze Wissenschaft mit ihrer Klarheit und Wirksamkeit. Zwar können wir auch sagen, daß der Mensch außerhalb der Wissenschaft ebenfalls denkt, er denkt dann aber ohne eine derartige, jede gleichermaßen überzeugende Klarheit und Wirksamkeit. Die Menschen dachten von ihren ersten Anfängen an, als sie weder eine Philosophie noch eine Wissenschaft im systematischen Sinne besaßen, sie dachten in Mythen, Erzählungen und dichterischen Werken. Ihr Denken realisierte sich in Gefühlen und Institutionen, in bildender Kunst wie etwa in der Höhlenmalerei, in rituellen Handlungen, durch die sich der Mensch auf das Universum beziehen und eine Gemeinschaft mit den anderen begründen wollte, durch Tanz etwa, durch Zeremonie oder Magie. In alledem kann ein tiefer Sinn enthalten sein, in gewisser Hinsicht auch Wahrheit, wenn Wahrheit sich für uns nicht nur im objektiven Denken, in Urteilen und Theorien erschöpft, sondern auch wein bestimmtes Verstehen bedeutet, welches uns vom allerersten Anfang an im Leben und Dasein orientiert. … /231/ Zeigt dies alles denn nicht, daß es noch ein anderes Denken als nur das objektive gibt, ein Denken, das auch einen Sinn ergibt und uns in gewisser Hinsicht vielleicht sogar tiefer berührt als die reine Objektivität? …
(Was ist Existenz? In: 7126, Die Bewegung der menschlichen Existenz, Stuttgart 1991, S. 230-31.)
(původně: Co je existence? Filos. časopis 14, 1969, č. 5-6, str. 682-702.)
vznik lístku: únor 2002